Backstage Riders

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Erschienen in der Ausgabe 11/09

Sir Drone: A New Film About the New Beatles, Running time: 55 minutes, © 1989 Raymond Pettibon Courtesy Regen Projects, Los Angeles © Raymond Pettibon

Als „Backstage Rider“ oder „Hospitality Rider“ werden jene Listen von Wünschen bezeichnet, die Musiker oder Künstler als Bedingung an ihre Auftritte knüpfen und im Vorfeld den Veranstaltern zukommen lassen. Während ein „Technical Rider“ das technische Equipment umfasst, werden in einem „Backstage Rider“ neben bestimmten Vorlieben hinsichtlich der Verpflegung noch ganz andere Dinge aufgelistet – das kann von der Art der Seife bis hin zu einem privaten Fitnessstudio reichen.

Manche Backstage Rider zeugen von beeindruckender Bescheidenheit („Wir haben uns bei der Erstellung dieser Liste bemüht, im finanziellen Rahmen zu bleiben“, Lou Reed) oder deren Gegenteil (57 Forderungen, darunter vier Golfcars, Jay Z); andere drücken Macht aus („Alle Fernseher müssen auf den Sender Fox News Channel eingestellt sein“, Dick Cheney), beweisen Sinn für Humor („Bitte auch einen Bob-Hope-Imitator und eine Ausgabe von USA Today mit einer Geschichte von pathologisch korpulenten Menschen drin“, Iggy Pop) oder verraten schlicht Lampenfieber.

Ausgehend von solchen Listen untersucht die Ausstellung „Backstage Riders“ eine Reihe an Phänomenen aus der Welt der Unterhaltungsindustrie und setzt sich mit Performances, Ritualen und Workflow-Skripts auseinander. Übertriebene Backstage Rider von Stars mit maßlosen Anforderungen sind längst beliebtes Thema der Boulevardpresse. Aus sozioökonomischer Sicht bieten die Listen Potenzial für ein vielschichtiges Ausstellungskonzept, das über die Beziehung zwischen Kunst und Musik hinausgeht. Das Thema „Backstage Rider“ wird in der gleichnamigen Ausstellung des KUNST Magazins im Tagesspiegelgebäude unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet, die sich z. T. überschneiden.

Ausgehend von sehr naheliegenden Interpretationen spannt sich der Bogen von der „klassischen“ Backstage Photography von Simon Huw Jones und Jan Windszus bis hin zur abstrakten Auslotung des Konzepts wie etwa im Mythos des Rock’n’Roll. Denn Backstage Rider sind nicht nur Teil dieses Mythos; sie scheinen ihn vielmehr selbst zu generieren. Raymond Pettibbons Video „Sir Drone: A New Film About the New Beatles“ (1989), das die Geschichte von zwei Möchtegern-Punkrockern erzählt, Declan Clarkes Sun-Studio-Documentary, Dexter Dalwoods imaginierte Räume verstorbener Künstler sowie Graham Dolphins Denkmäler, die verschiedenen Rockhelden gewidmet sind – alle behandeln jeweils auf ihre Art die Legendenbildung in der Musikszene.

Als wiederkehrendes Format thematisieren die Backstage Rider Rituale und Skripte, die es den Künstlern erlauben, sich selbst und ihre Umgebung zu inszenieren. Dies behandeln etwa Ming Wongs cineastische Remakes oder, noch abstrakter, John Smiths „The Girl Chewing Gum“ (1976): In der Überlagerung von Bild und Ton scheint sich die Realität der Stimme unterzuordnen. Die Live- Performances von Dave Allen und Samuel Levack & Jennifer Lewandowski arbeiten ebenfalls mit Skripts, allerdings auf ganz unterschiedliche Weise.

Nicht nur als Skript, sondern auch als enzyklopädische Liste oder Dichtung erscheinen Backstage Rider in den Textstücken von Annika Ström, Alejandro Cesarco und den bestickten Setlisten von Rose Eken. David Medallas „Bubble Machine“, Vinyl-Terror & -Horrors narrative Klangskulptur und Egill Sæbjörnssons singende Lavasteine behandeln Performativität als bildhauerisches Gestaltungsmittel. In Tony Ourslers Video „EVOL“ aus dem Jahre 1984 verdichten sich Ritual, Wiederholung, Versagensangst und Exzess zu einem psychedelischen Lowtech- Theaterstück über Liebe und Sex.

Erschienen in der Ausgabe 11/09

Dave Allen: Turntable performance, Magazin 4, Bregenzer Kunstverein, Foto: Werner J. Hannappe Courtesy of Elastic. Malmö

Die verschiedenen Aspekte zum Thema „Backstage Rider“ mit ihrem Sinn für Ironie überschneiden sich von Werk zu Werk und verschmelzen zu einer flüssigen Gesamtkomposition. Darüber hinaus wird aus dem „Backstage-Nähkästchen“ geplaudert: Mike Kelley, der einen der Musiker in dem Film „Sir Drone“ spielt, verkörperte die Hauptrolle in dem Video „EVOL“ und gründete zusammen mit Oursler die Band „The Poetics Project“. Sonic Youth, die mehrmals mit Oursler zusammengearbeitet hatten und das Album „EVOL“ herausbrachten, wurden ebenfalls durch den Film „Sir Drone“ inspiriert und veröffentlichten als Ergebnis daraus das Album „Goo“: Der Titel verweist auf eine der Figuren in „Sir Drone“; Pettibon gestaltete das Albumcover.

Backstage Riders
Opening: 3.9., 18h, 3.–10.9.
Tagesspiegelgebäude, Haus E, 4. OG
Potsdamer Str. 77-87, 10785 Berlin-Tiergarten

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