
Performance von Simon Dybbroe Møller im Hamburger Bahnhof / Foto: Julia Schmitz
Am 7.Juni 2011 wurde die Ausstellung “Based in Berlin” eröffnet, die zunächst so heftig bekämpft, plötzlich ganz moderat und leise über die Bühne geht. Wer sind diese 80 “emerging artists” der Hauptstadt, die bis zum 24.Juli an fünf verschiedenen Kulturorten der Stadt ausstellen werden? Wir haben uns auf einen Rundgang begeben.
Betritt man den Ausstellungsraum im Hamburger Bahnhof, so blickt man zunächst auf etwas eigentlich unspektakuläres: Ein riesiges, weißes Regal ohne Inhalt. Aus dem Hintergrund wabert leise Klaviermusik (sie stammt von der Performance von Simon Dybbroe Møller), die den Eindruck erweckt, man befände sich hier in einem Kaufhausaufzug oder einem Restaurant.
Dieses Gefühl verstärkt sich, begibt man sich in die weiteren Räume: Auf einem kleinen Podest hat Tobias Kasper ein Set aus sechs Espresso-Tassen samt Untertellern arrangiert, die mit Zitaten des französischen Schriftstellers Stendhal bedruckt sind. In der rechten Seite des Raumes blicken wir auf einen festlich gedeckten Tisch, an dem eigentlich nichts ungewöhnlich scheint – bis auf die übertrieben hohe Anzahl an gerollten Servietten. Eine Geheimbotschaft sollen diese darstellen, heißt es in der Beschreibung zu diesem Objekt von Maria Loboda.
Vom Alltagsgegenstand zum Kunstobjekt
Alltagsgegenstände aus der Gastronomie scheinen überhaupt so etwas wie den roten Faden im Hamburger Bahnhof zu bilden. Eine Wand des Museums ist mit Objekten aus der ehemaligen Galerie im Regierungsviertel bedeckt, darunter zahlreiche Wein- und Whiskeygläser, Poster und alte Fernseher.
Handelsübliche Objekte mit Vergangenheit werden hier mit dem “The forgotten bar project” zum Kunstobjektes deklariert und dürfen fortan nicht mehr angefasst werden. Nebenan läuft in einem abgedunkelten Raum ein Film von Akim, der Sprayer beim illegalen Bemalen eines Berliner S-Bahn-Zuges zeigt. Der Titel lautet – sicherlich nicht ohne Ironie – “Leistungsschau”.

"The forgotten bar project" der ehem. Galerie im Regierungsviertel / Foto: Julia Schmitz
Kitsch, Kunst, KW
Als nächste Station auf unserer Route lag das KW Institute for Contemporary Art in Mitte. Hier durften sich die Künstler auf gleich fünf verschiedenen Ebenen frei nach Gusto ausbreiten. In den oberen Stockwerken fällt der Blick als erstes auf die Skulptur von David Adamo.

David Adamo, Untitled (column), 2011, Pinienholz & Pinienholzspäne / Foto: Julia Schmitz
Der Künstler hat einen meterhohen Holzbalken derart stark bearbeitet, dass man fast fürchtet, das Ding könne jeden Moment zusammenbrechen und die Decke der Galerie mit sich nehmen. Mit seinen Arbeiten fokussiert sich Adamo auf den Akt der körperlichen Arbeit, heißt es, indem er Objekte so lange umformt, bis sie in ihrer ursprünglichen Aufgabe nicht mehr nutzbar sind.
Eine Etage höher hat Asaf Koriat unter dem Titel “If Ornament is a Crime, Then Damn it, I’m Guilty!” liebliche Girlanden, Blümchen und Herzen aus Geschenkband an der Wand befestigt, die ein wenig wie die Dekoration eines kleinstädtischen Schreibwarenladens wirken. Gegenüber scheint dann auch noch die Inneneinrichtung der KW Schaden genommen zu haben, eine graue Jalousie hängt schief von der Decke. Ein Blick auf die weiße Plakette daneben verrät uns jedoch: Hierbei handelt es sich um die Arbeit “Rolladen” von Kitty Kraus.
Monbijoupark, “The place to be”
Das Atelierhaus im Monbijoupark wird im Rahmen der Based in Berlin zur turbulenten Festivalzentrale – und ist damit gleichzeitig der spannendste Ort der Ausstellung, “the place to be”. Betritt man die leicht ranzigen Räume, wird man unweigerlich von einem durchdringenen Geruch nach Altöl begrüsst.

Rocco Berger, Oil Paintin, 2010, Mixed Media / Foto: Julia Schmitz
Rocco Berger hat die Bezeichnung des “Oil Painting” wortwörtlich genommen und lässt mittels einer Art Regenrinne pechschwarzes Öl auf den Boden laufen. Durch einen kleinen Ventilator wird die Flüssigkeit dann auf ein großes Tuch verteilt – ein Kunstwerk, welches dadurch zu keiner Sekunde gleich aussieht.

Kajsa Dahlberg, Ein Zimmer für sich / Ein eigenes Zimmer / Ein Zimmer für sich allein / Vierhundertdreiunddreißig Bibliotheken, 2011 / Foto: Julia Schmitz
Wen der Ölgeruch nicht stört, der könnte sich theoretisch zu einer kleinen Lesestunde zurückziehen. Könnte – wenn es sich bei der mit Unmengen quietschgelber Reclam-Heftchen gefüllten Regalwand nicht um eine Installation von Kajsa Dahlberg mit dem Titel “Ein Zimmer für sich / Ein eigenes Zimmer / Ein Zimmer für sich allein / Vierhundertdreiundreißig Bibliotheken” handeln würde.
Wie der Titel schon vermuten lässt, handelt es sich hier um Exemplare des literarisch-feministischen Klassikers “A Room of One’s Own” aus der Feder von Virginia Woolf. Mit einem Unterschied: Schlägt man eines der Heftchen auf, erblickt das Auge einen wilden Wust aus Umkringelungen, Randnotizen und Unterstreichungen des Essays. Der Alptraum jedes Büchernarrs, sozusagen.
Wem nach so vielen mehr oder weniger interessanten Eindrücken aus der Riege der Berliner “emerging artists” der Kopf schwirrt, der sollte sich zurückziehen in die von Cookies organisierte Bar im Atelierhaus, wo das Kaltgetränk dank der surrenden und wie Ventilatoren wedelnden Sonnenschirme von Giulio Delvè kühl gehalten wird.

Giulio Delvè, Hotel Tritone, 2010 / Foto: Julia Schmitz








