Rudolf Steiner: Denker in Farben und Formen


Rudolf Steiner: Erstes Goetheanum, Postkarte, um 1922
Abbildung erschienen in KUNST Magazin Ausgabe April 2010

von Walter Kugler

“Wir leben nun einmal in einem Zeitalter, in dem sich alles Alte ausgelebt hat, in dem fast in allen Zweigen des menschlichen Lebens und Daseins neue Keime nötig sind.”(1) Mit diesen Worten appellierte Rudolf Steiner (1861–1925) gegen Ende des Ersten Weltkrieges an das Kreativitätspotenzial seiner Zuhörer und tat dies genau so engagiert, wie er es zuvor schon in seinen philosophischen Frühschriften, insbesondere seiner “Philosophie der Freiheit” (1894) getan hat und später in seinen Vorträgen über das Verhältnis von Mikrokosmos und Makrokosmos, das nachtodliche/vorgeburtliche Leben oder über Pädagogik und gesellschaftspolitische Fragen tun wird.
Steiner, so nachzulesen in einem Fragebogen, “fürchtete sich vor Pünktlichkeit”, wäre, wenn nicht er selbst, gern “Nietzsche vor dem Wahnsinn” gewesen und, befragt nach seinem Temperament, antwortete er: “Wandelbarkeit”. Das war 1892, als er am Weimarer Goethe- Archiv die Naturwissenschaftlichen Schriften für die Sophien-Ausgabe bearbeitete und gerade zum Doktor der Philosophie promoviert worden war. Neben seinen Goethe-Forschungen ordnete er im Auftrag von Elisabeth Foerster-Nietzsche den Nachlass ihres Bruders, besorgte eine zehnbändige Schopenhauer-Ausgabe und verabschiedete sich schließlich aus Weimar mit einer Monografie “Friedrich Nietzsche, ein Kämpfer gegen seine Zeit” und “Goethes Welt-anschauung”. All dem vorausgegangen war ein Studium der Naturwissenschaften an der Technischen Hochschule in Wien (1879–1883), das er mit dem Besuch von Philosophie-Vorlesungen bei Franz Brentano anreicherte.
Aus einem sehr bescheidenen Elternhaus in Niederösterreich stammend, stand die Kunst zunächst nicht gerade ganz oben auf seiner Tagesordnung, was sich aber mit seinem Weimarer Aufenthalt gründlich ändern sollte. Schon bald zählten zu seinen engsten Freunden der Liszt-Schüler Conrad Ansorge, der Maler und spätere Bauhaus-Meister Otto Fröhlich und die Schriftstellerin Gabriele Reuter. Nächtelange Debatten über Kunst und Ästhetik bewegten die Gemüter, wobei Steiner immer wieder mit neuen Sichtweisen zu überraschen wusste, so z. B. mit der Überlegung, dass die Ästhetik, “die von der Definition ausgeht: das Schöne ist ein sinnliches Wirkliches, das so erscheint, als wäre es Idee, noch nicht besteht”, der er noch im selben Atemzug hinzufügte: “Sie muss geschaffen werden.”(2)
Ab 1897 in Berlin, bewegte sich Steiner zielsicher im Milieu der “literarischen Moderne” und stand als Redakteur des “Magazin für Literatur” in engem Kontakt mit zahlreichen Schriftstellern, darunter Paul Scheerbart, Peter Hille, Else Lasker-Schüler, Frank Wedekind und Rilke. “Kunst ist einmal das Göttliche nicht als solches, sondern in der Sinnlichkeit. Und Letztere als solche, nicht das Göttliche, muss gefallen”, hatte Steiner einige Jahre zuvor einen Jugendfreund belehrt(3) und diktierte in der Folgezeit diese Grundhaltung in Schrift und Wort in mannigfachen Variationen in das Gästebuch seiner Zeit. Unter den immer zahlreicher  werden Zuhörern seiner Vorträge, die er im Rahmen der Theosophischen, später Anthroposophischen Gesellschaft sowie öffentlich gehalten hat, waren Richard Neutra, Jawlensky und Johannes Itten ebenso wie Franz Kafka, Max Brod und Albert Einstein. Inspiriert von Steiners kosmologischen Deutungen der Goethe’schen Farbenlehre unter Verwendung einzelner Motive aus dem “Faust” während eines im Berliner Architektenhaus gehaltenen Vortrages malte Kandinsky die Ariel-Szene: Faust und neben ihm Ariel, der sich sylphischen Wesen zuneigt, im Hintergrund ein Regenbogen, gleichsam ein Abglanz der Sonne, “von der Lebensströme ausgehen, so mächtig, dass wir sie nicht aushalten könnten, wenn sie nicht paralysiert würden durch die Mondenkräfte”(4). Später wird Kandinsky in seiner Komposition IV “eine Art Programmbild der theosophischen Erkenntnisgewinnung höherer Welten” malen, so Hubertus Gassner in seinem Essay “Abstraktion als Erlösung – Kandinsky und die Theosophie”(5).
Mit der Errichtung eines Festspielhauses (Goethe-anum) auf einem Jurahügel in Dornach bei Basel wurde seine eng sich an Goethe anlehnende Ästhetik unmittelbar sichtbar. Die mächtigen Kuppel-Innenräume gestaltete er mit Deckenmalereien, auf denen die gesamte Kulturentwicklung der Menschheit als grandioses Bildwerk erschien. Plastische Arbeiten, von der Gestaltung der Säulenkapitelle und Architrave bis hin zu Treppengeländern und Heizungsverkleidungen vermittelten ein neues Raumerlebnis und eine Formsprache, die später als eine organische bezeichnet wurde. Dass er zur gleichen Zeit auch eine neue Bewegungskunst, die Eurythmie, entwickelte, steht ohne Zweifel in einem engen Zusammenhang mit seinen plastischen baukünstlerischen Arbeiten, hat er die Eurythmie doch verschiedentlich auch als bewegte Plastik bezeichnet. Rund um diesen weithin sichtbaren Doppelkuppelbau gruppierte er ein Ensemble von mehr als zehn weiteren Zweck- und Wohnbauten (Heizhaus, Verlagshaus, Wohnhaus Duldeck), die in den Jahren 1913 bis 1924 realisiert wurden. Höhepunkt seiner Bautätigkeit ist zweifellos der nach seinem Plastilinmodell ganz in Beton ausgeführte zweite Goetheanum-Bau, der den Verlust des ersten Goetheanum, das aufgrund einer Brandstiftung in der Silvesternacht 1922/23 völlig zerstört worden war, kompensierte und mit dem er sich in die Chronik der großen Architekten des 20. Jahrhunderts eingetragen hat. Wenn nun am 13. Mai das Kunstmuseum in Wolfsburg den Blick freigibt auf zwei Ausstellungen, “Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart” mit Werken von Anish Kapoor, Olafur Eliasson, Tony Cragg, Katharina Grosse u. a. sowie die vom Vitra Design Museum konzipierte Ausstellung “Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags”, dann wird dies sicherlich ein Staunen hervorrufen, vielleicht manche veranlassen, ihrer Polemik oder Häme freien Lauf zu lassen. Die Ausstellungsmacher sind sich dessen durchaus bewusst, denn Provokation ist durchaus beabsichtigt.
Zweifellos wäre es sehr eng gedacht, die genannten Künstler irgendwie und irgendwo eingemeinden zu wollen. Erregend ist die partielle Nähe zu Steiners bisweilen kryptischen Denkfiguren, so z. B. in  Eliassons “Laboratory of Mediating Space” oder seinem eigens für Wolfsburg entwickelten sphärisch-kristallinen Leuchtkörper, der Steiners Anschauung vom Denken als ein “Atmen im Licht” auf seine Art aktualisiert. Tony Cragg, Meister von plastischen Umstülpungsvorgängen, hat diesen Gestus verbal so auf den Punkt gebracht: “Denk an ein 20. Jahrhundert ohne Rudolf Steiner – das wäre eine Katastrophe” (im Katalog zur Ausstellung).

(1) Vortrag vom 15. Januar 1918, in «Das Graphische Werk», Dornach 2005, S. 43.
(2) Vgl. «Goethe als Vater einen neuen Ästhetik», in «Kunst und Kunsterkenntnis», GA 271, Dornach 1985, S. 33.
(3) Brief an Josef Köck, in «Briefe Bd.1», GA 38, S. 58.
(4) Vortrag vom 26. März 1908, in «Die Erkenntnis der Seele und des Geistes», GA  56, Dornach 1985, S. 262.
(5) In «Rudolf Steiner in Kunst und Architektur», hrsg. von W. Kugler und Simon Baur, mit Beiträgen von Bazon Brock, Eugen Blume, Christa Lichtenstern u. a., Köln 2007, S. 43.

Prof. Dr. Walter Kugler ist Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach bei Basel und Prof. of Fine Art an der Brookes University Oxford.

Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart
Eine Ausstellung des Kunstmuseum Wolfsburg in
Kooperation mit dem Kunstmuseum Stuttgart

Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags
Eine Ausstellung des Vitra Design Museum
Präsentiert vom 13. Mai bis 3. Oktober 2010 im
Kunstmuseum Wolfsburg

Kunstmuseum Wolfsburg
Hollerplatz 1, 38440 Wolfsburg
13.5.–3.10., Mi–So 11–18h, Di 11–20h

Eintritt: 8 €, erm. 4 €

www.kunstmuseum-wolfsburg.de

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