Die Kunst der Albernheit

"Lion and Cage from Calder's Circus, 1926-31," wire, yarn, cloth, buttons, painted metal, wood, metal, leather and string, dimensions variable, Whitney Museum of American Art

“Hör auf damit, wir müssen seriös wirken!” – Was das weite Feld der Kunst angeht, sei es zeitgenössisch oder historisch, begegnet man den Werken stets mit einer gewissen Strenge und Ernsthaftigkeit. Wird es albern, werden Augenbrauen in die Höhe gezogen und Mundwinkel verzogen – Kunst hat nicht albern zu sein! Dabei ist gelegentliches Rumblödeln doch durchaus nützlich für den künstlerischen Prozess, erklären Michael Glasmeier und Lisa Steib in ihrer Abhandlung “Albernheit“. Diese reiht sich in den “Kleinen Stimmungsatlas in Einzelbänden” des Textem Verlages ein.

“Albernheit ist unberechenbar. Als Einzelgängerin im Feld des Komischen macht sie sich verdächtig, kennt sie doch weder Grund noch Ziel. Mit ihrem vermeintlichen Gegenspieler, dem Ernst der Lage, verbündet sie sich, um am Rand der Erschöpfung unbemerkt ihren Einsatz vorzubereiten. Erbarmungslos, plötzlich und in aller Unangemessenheit schlägt sie zu, wenn das Opfer es am wenigsten erwartet.”

Jeder kennt diese Situation: Lachen wäre jetzt wirklich ziemlich unangebracht, die Situation erfordert absoluten Ernst. Doch das Kitzeln wird immer stärker, nur mit aller Kraft lässt sich der Ausbruch noch unterdrücken – bis es schwallartig aus einem herausprustet, das Kichern und Lachen. Diesem Phänomen, welches im Gegensatz zum gepflegten, vorzeigbaren Salonhumor so gar keinen Anstand hat, gehen Glasmeier und Steib in ihrem höchst lesenswerten Essay nach.

Angewandte Situationskomik

“Vom Charakter der Albernheit”, “Methoden der Albernheit” und “Angewandte Situationskomik” heißen die Kapitel unter anderem, die nach verstaubter, wissenschaftlicher Abhandlung klingen und doch soviel Sprachwitz beinhalten, der seinerseits allerdings nie ins Alberne abrutscht.

Besonderes Augenmerk richten die beiden Autoren auf das Thema der Albernheit in der Kunst: Nur selten nehmen sich Künstler und Künstlerinnen die Freiheit, einmal herrlich sinnfrei herumzublödeln. Passiert es doch, so stehen Kunstkritiker, Galeristen und Kuratoren zur Stelle, die dem Kunstwerk bereitwillig eine verkopfte Theorie anheften.

Nicht immer funktioniert diese Strategie allerdings: Bei der 1979 enstandenen “Wurstserie” von Peter Fischli & David Weiss handelt es sich um abfotografierte Alltagsszenen zwischen sauren Gürkchen, Rettichstücken und Wurstaufschnitt. Eine Arbeit, die zwar in jedem Text über das Duo erwähnt, aber selten ausführlicher besprochen wird, da sie “dem Ergebnis eines kindlichen Spiels näher als einer andeutbaren künstlerischen Strategie” stehen, heißt es.

Doch bereits die Dadaisten verstanden sich auf die Kunst des albernen Humor, ebenso hatten Paul Klee, Marcel Duchamp und Alexander Calder (mit seinem berühmten Zirkus) ihre Momente. Mit seinen “One Minute Sculptures” und der Aufforderung an die Museumsbesucher, sich mitunter leere Plastikeimer auf den Kopf zu setzen, bildet Erwin Wurm ein prächtiges Beispiel dafür, dass Albernheit auch heute noch in der Kunst zu finden ist. Doch es könnte mehr sein, beschließen die Autoren: Vielleicht könnte es gerade “die Albernheit sein [...], die jene verloren gegangene Potenz der Künste in der leeren Grazie der Grundlosigkeit wieder erwecken könnte”?

In der Reihe “Kleiner Stimmungs Atlas in Einzelbänden” sind bereits erschienen: “A – Angst”, “A – Albernheit”, “B – Bildzweifel”, “V – Verkrampfung” und “M – Modernität”.

Michael Glasmeier, Lisa Steib, Kleiner Stimmungs Atlas in Einzelbänden. A – Albernheit, Textem Verlag, Frankfurt a.M 2011, broschiert, 127 Seiten, 12 Euro. ISBN 978-3-938801-77-2 Bei Amazon bestellen

Dieser Beitrag wurde unter Bücher abgelegt und mit Albernheit, Textem Verlag verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>