Die Krise im Kunstmarkt ist keine Krise der Kunst, sondern eine Krise des Marktes. Sie ist weder das Ende der Kunst noch – wie manche hoffnungsfroh zu erkennen glauben – der Anfang vom Ende des Kapitalismus. Vermutlich ist sie nicht einmal der Beginn einer Machtverschiebung zwischen Kunst und Geld. Die Krise ist ein zyklischer Selbstreinigungsprozess mitsamt der typischen Ernüchterung nach einem Boom, dessen rauschhafte Beschleunigungsdynamik angetrieben wurde vom irrationalen Überschwang der Marktteilnehmer. Nach dem “Adlerflug der Gier über einer ungeheuren Landschaft von Gewinnen”, wie Peter Sloterdijk den Realitätsverlust der vergangenen Jahre umschrieb, ist die gegenwärtige Krise mit ihren enormen Verlusten an Nachfrage und Umsatz, an Käufern und Publikum ein Sturz auf den Boden der Tatsachen. So ist die Krise im Kunstmarkt ein Pendelausschlag in einer Folge von zyklischen Extrembewegungen, wie sie für den modernen Kapitalismus typisch sind. Und so werden sich am Ende der Krise die Spieler im Kunstmarkt reduziert und neu positioniert haben – für die nächste Runde im Spiel um Kunst und Geld, in dem es nicht nur um monetären Profit geht, sondern auch um kulturelle Definitionsmacht.
Während vom Hype in der Gegenwartskunst nur wenige profitierten, bezahlen die Folgekosten auch all die anderen, deren Boote nicht von der Flut des in den Kunstmarkt fließenden Geldes gehoben wurden. Nicht nur, dass Starkünstler ihre Assistenten entlassen, Großgalerien ihre Dependancen schließen oder Auktionshäuser ihr Angebot straffen. Messen kämpfen um Aussteller, Museen um Etats, Galerien um Käufer, und viele, vor allem Künstler, ums Überleben. Denn die Krise betrifft den Gesamtmarkt und nicht nur jene Segmente, deren Marktwert im Hype vor allem durch den Sekundärmarkt wie durch einen Teilchenbeschleuniger überproportional nach oben getrieben wurde. Dass dieses rapide zunehmende Preisgefälle nichts mehr mit der Qualität der Kunst, sondern mit der Quantität der in den Markt strömenden Geldmenge, der auf Wachstum ausgerichteten Strategie der großen Auktionshäuser und ihrer marktbeherrschenden Stellung, den Verflechtungen innerhalb des Kunstsystems und dem Herdentrieb vieler Marktteilnehmer zu tun hatte, war zumindest zwei Parteien klar, die sich aus unterschiedlichen Gründen eine nüchterne Distanz zum Markt bewahrten. Skeptiker diagnostizierten mit der zunehmenden Konzentration von Umsatz auf wenige Markennamen eine Verschiebung von den Qualitätskriterien in der Kunst zu den quantitativen Bewertungsinstrumenten des Marktes. Die auf einen Blick erfassbaren Preise, Rankings, Indizes, Umsatz- oder Besucherzahlen ersetzten zunehmend die zeitraubende Beschäftigung mit der Kunst selber und fungierten als Indikatoren für deren Qualität. Smarte Spekulanten, in deren Phalanx sich auch der Künstler Damien Hirst einreihte (der gerade noch rechtzeitig am Tag der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, dem „point of no return“ der Finanzkrise, 223 seiner Werke bei Sotheby’s versteigerte), realisierten ihre Gewinne vor dem Zusammenbruch. So fällt die Krise – dem Wunschdenken aller Wohlmeinenden zum Trotz – kein gerechtes Urteil über Gier und Hybris. Im Gegenteil: Gerade die Spieler aus der kapitalstarken Liga werden sie überleben, und so mancher Galerist oder Künstler wird trotz kultureller Verdienste schlicht aus finanziellen Gründen das Handtuch werfen müssen.
Denn der Markt hat sich gedreht – nicht Geld jagt Kunst, sondern Kunst jagt Geld. Der Kunstmarkt ist von einem Verkäufer- zu einem Käufermarkt geworden. So unterschiedlich die Preisbildungsmechanismen auf der Auktion und in der Galerie auch sein mögen – in der Krise führen sie zum selben Ergebnis. Mögen die von Angebot und Nachfrage kurzfristig bestimmten Preise auf Auktionen einbrechen, die auf langfristigen Positionierungserwägungen basierenden Preise in Galerien dagegen (zumindest offiziell) konstant gehalten werden: Immer mehr Kunstwerke finden keinen Käufer. Nach dem Rausch der Beschleunigung herrscht eine Atempause im Markt. Sie zu überstehen verlangt, was die einen immer noch, viele andere aber nicht mehr haben: einen langen Atem – sprich liquide Mittel, also Geld.
Die Krise ist auch eine Katharsis. Sie stellt den Glauben an eine wundersame Geldvermehrung durch magische Praktiken, wie es Marketing und Spekulation sind, infrage. Magisch deshalb, weil sie darauf zielen, quantitative Preissteigerungen zu bewirken ohne qualitativen Wertzuwachs. Marketing, das auch im Kunstmarkt eine maßgebliche Rolle spielt, operiert mit der Erzeugung von Illusionen, indem es Waren – auch Kunstwerken – fiktive Eigenschaften zuschreibt. Spekulation hebt das Verhältnis von Ursache und Wirkung auf, da etwas gekauft und zu einem späteren Zeitpunkt zu einem höheren Preis verkauft wird, ohne dass sein eigentlicher Wert erhöht worden wäre. Der grenzenlose Möglichkeitshorizont, der sich dadurch auftut, beruht letztlich auf der Vorstellung einer potenziell grenzenlosen Vermehrbarkeit von Geld. Dieses Versprechen von Grenzenlosigkeit, das enorme Motivationskräfte zu mobilisieren und in der Folge eine ebensolche Beschleunigungsdynamik hervorzurufen vermag, wird zwar bereits in der Phase des Hype mit seinen illusionären Verheißungen als Fiktion erkennbar, aber erst recht in der Krise mit ihren realen Enttäuschungen. In einem geldgetriebenen Boom löst sich die stillschweigend vorausgesetzte Gleichung von Preis und Wert auf.
Die schwierige Frage nach dem Wert wirft die ebenso schwierige nach der Qualität von Kunst auf. So schwer sie zu beantworten ist, so leicht lässt sich die Grundvoraussetzung für die Unterscheidung zwischen Qualität und Nichtqualität definieren. Der Unterschied zwischen Qualität und Nichtqualität wird erst wahrnehmbar ab einem bestimmten Maß des Sich-Einlassens auf Kunst. Und dafür braucht man neben Offenheit, Neugierde und Unabhängigkeit vor allem eines: Zeit. Das Kennzeichen eines sich heißlaufenden Marktes ist jedoch seine Beschleunigung, die Zeit, nicht Geld, zur eigentlich knappen Ressource werden lässt. Damit verbunden ist eine zunehmende Beschleunigung im Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Die Entschleunigung in der Krise hingegen erlaubt, die eigene Aufmerksamkeit zu konzentrieren und das flüchtige Erleben von Kunst in eine nachhaltige Erfahrung zu transformieren – im besten Falle in eine von Inhalt und Tiefe: Qualität. Nutzen wir also die Atempause, die uns die Krise gewährt. Denn der nächste Beschleunigungsrausch kommt bestimmt. Die Achterbahn startet immer am tiefsten Punkt. Dieser scheint in Sicht. Nach seinem Gewinneinbruch um 87% im zweiten Quartal 2009 sieht zumindest der Marktführer Sotheby’s den Boden der Preisbildung erreicht. Die Ersten sind schon wieder dabei einzusteigen.
PS: Dass die Beschäftigung mit Kunst mehr mit der Erfahrung von Glück als mit der Verfügung über Geld zu tun hat, ist eine alte Weisheit. Wer sie in der Krise neu entdecken möchte, dem sei das Vademecum von Gerrit Gohlke und Astrid Mania empfohlen: „Wie man am Kunstmarkt glücklich wird“ (artnet.de).








