George Osodi: Okada Rider aus der Serie “Lagos Uncelebrated”, 2007, C-Print on Alu-Dibond, 80 x 120 cm, 1/5 Abbildung veröffentlicht in KUNST Magazin Ausgabe März 2010
Kunst aus Afrika in Deutschland
Peter HerrmannIn den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts veröffentlichte das Magazin „Capital“ eine umfangreiche Untersuchung des internationalen Kunstmarktes und unterteilte ihn in Segmente. Verblüffend dabei war, dass ausgerechnet der komplizierte Markt alter Kunst aus Afrika im Zeitraum von 100 Jahren das solideste Preisgefüge hatte.
Dies dürfte für viele Leser eine Überraschung sein, doch Deutschland hat eine lange Tradition von Sammlungen, von Handel und wissenschaftlicher Bearbeitung, die allerdings in den letzten Jahrzehnten qualitativ schrumpften. Gleichzeitig zu dem Rückgang der Bedeutung alter Kunst entstand ein kleiner Umsatz mit neuer Kunst.
Bei klassischer Kunst wird regional zugeordnet, während heute lebende Künstler aus Afrika solche Zuordnungen von sich weisen. Natürlich steht in der Biografie eines Künstlers sein Herkunftsland. Sie oder er möchte sich aber nicht als Repräsentant eines Landes oder einer Ethnie verstanden wissen.
Kunst der Shona oder Makondekunst sind Bezeichnungen, die in unserem Sprachgebrauch festgemacht sind. Diese direkten Verweise auf sogenannte Stämme sind allerdings so unpassend wie falsch und entstammen dem Schubladendenken einiger feldforschender Ethnologen, die sich bis heute zuständig für Kunst aus Afrika wähnen.
Nahezu alle Künstler, die in diese große ethnische Verwurstungsmaschine geraten sind, verschwanden im Orkus der Vermassung und mit ihnen die Bedeutung der ersten angelegten Sammlungen in Deutschland in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Seit vielen Jahren versucht man deshalb, bestimmte Sprachgewohnheiten und Umgangsformen zu ändern und mit dieser Wandlung unser Verhältnis und unser Interesse gegenüber dem eigentlich sehr nahe liegenden Kontinent zu verbessern.
Seit etwa 1995 gewann eine differenziertere Wahrnehmung an Boden. Ausgelöst durch einige große Ausstellungen in Frankreich und den USA, begannen in Deutschland verstärkt Künstler und Kunsthistori-ker mit Kooperationen und Rezensionen. Exotistische Projektionen verlieren mehr und mehr an Einfluss.
Die Wahrnehmung eines Landes hängt leider auch von der wirtschaftlichen Bedeutung ab, die es für Deutschland hat. Da die meisten afrikanischen Staaten dabei eine untergeordnete Rolle spielen, kann sich auch keine Austauschsituation in der Kunst entwickeln. Erschwerend kommt bei der Vermittlungsarbeit hinzu, dass unsere Medien bei Berichten über Afrika vorzugsweise über Katastrophen, Fauna und Flora berichten. Künstler und Kunst spielen nahezu keine Rolle. Das Gros unserer Bevölkerung nimmt Afrika durch einseitige Berichte als Hilfsempfänger wahr. Daraus abgeleitet werden Werte nicht adäquat anerkannt.
Nach jahrzehntelang vernachlässigter Präsenz in Afrika beginnt man bei uns langsam zu realisieren, dass der kleine wirtschaftliche Austausch, den wir hatten, zugunsten Chinas und anderer asiatischer Länder weiter und weiter schrumpft. In Wirtschaft und Politik entdeckt man deshalb nun auch langsam die Bedeutung von Kulturarbeit und entwickelt neue Strategien.
Internationale, individuelle Erfolge von Künstlern des ganzen afrikanischen Kontinents haben über die letzten Jahre zugenommen. Neben einigen wenigen Ländern mit traditionellem Binnenkunstmarkt entstehen zaghafte Strukturen auch in Ländern, die bisher nur in der Rangliste der ärmeren Länder aufgefallen sind. Es gibt sehr unterschiedliche Kunsträume mit durch-aus sehr eigenen Prägungen.
Im nordafrikanischen Raum sind es Länder wie Ägypten, Algerien und Marokko, aus denen viele Künstlerinnen und Künstler kommen. In Ostafrika gibt es in Äthiopien, Kenia, Uganda und Sudan Künstlerszenen mit jeweils vielen Protagonisten und Qualitäten, aus deren Mitte immer wieder eine oder einer den Schritt auf die internationale Bühne schafft und die in ihrem Herkunftsland höchst respektierte Persönlichkeiten sind.
Im südlichen Afrika ist Simbabwe, nach blühenden Zeiten für Kunst und Kunstgewerbe, heute nicht mehr so wichtig. Südafrika dafür umso mehr. Gefühlt rolliert dort die Hälfte des Umsatzvolumens des ganzen Kontinents, und die einzige Messe in ganz Afrika ist in Johannesburg zu finden. Für Deutsche spielt Namibia noch eine kleine Rolle.
West- und Zentralafrika ist neben Theater und Musik traditionell das Eldorado der bildhauerischen Kunst. In der zeitgenössischen Bildenden Kunst scheint sich dieses Erbe dadurch auszudrücken, dass besonders viele Künstler aus diesem Teil des Kontinents kommen. Besonders lebendig geht es in Ländern wie Kongo, Kamerun, Nigeria, Benin, Togo, Ghana, Elfenbeinküste und Senegal mit seiner Biennale zu.
Diese Vielfalt drückt sich in Deutschland nicht aus. Verschwindend wenige Künstler aus Afrika sind in Galerien vertreten, es sind sehr wenige Künstler in namhaften Sammlungen und es gibt fast keine Ausstellung in wichtigen Museen. Widerfährt einem Künstler aus Afrika das Glück der Aufnahme in unser Pantheon, ist er meist europastämmig und heißt Breitz, Alexander, Kentridge, Tillim, Goldblatt, Hugo oder Schadeberg.
Eine weitere Problematik liegt in der Institutionali-sierung der Kunst, was sich bezogen auf Afrika als ganz besonders schwierig erweist. Deutsche Institutionen mit Bezug zu Afrika arbeiten dem Markt diametral entgegen. Es gibt nahezu keine Einbindung freier Kunstschaffender und Vermittler in deren Aktivitäten, und vom Staat kanalisierte Gelder werden von Kulturbeamten fast zu hundert Prozent aufgebraucht, ohne dass es dabei einen Einkaufsetat gäbe.
Weil keine Kooperationen zwischen freier Szene und Institutionen stattfinden, entstehen Defizite. Es gibt immer weniger logisch aufgebaute Sammlungen. Zu zeitgenössischer Kunst gibt es in Deutschland aktuell keine einzige relevante Sammlung mehr. Die berühm-te Sammlung Bogatzke ging spurlos außer Landes, und vier Sammlungen der klassischen afrikanischen Moderne, die aus den siebziger und achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts datieren, stehen ohne Käufer im Marktangebot. Noch schlimmer sieht es am Markt alter Kunst aus. Sammler und Händler, die früher mit den als Stiftungen organisierten Völkerkundemuseen in enger Verbindung standen, sind abgekoppelt. Beide, Sammler und Händler, erleben ohne wissenschaftliche Begleitung eine Verflachung ihrer Ansprüche. Sammlungen verkommen zu Schnäppchenparaden oder ästhe-tischen Inneneinrichtungen. Die verbeamtete Museumsperson verliert wichtige Informanten, strandet in veraltetem Bücherwissen und wird zum reaktionären Bremser wichtiger Entwicklungen und Neuerungen.
Zurück nach Afrika. Die Anbindung der Kunst an lokales Handwerk ist marginal. Arbeiten viele westliche Künstler mit Drucker, Gießer, Schreiner und Elektroniker, verlieren afrikanische Künstler weitgehend ihre Bindungen an eigene traditionelle Gewerke. Es gibt keine Händlerstruktur mit Pigmenten, keine Rahmenbauer, wenig Fotofachlabore – und wenn, dann auf sehr niedrigem Standard. Verpackungs- und Kunsttransportgewerbe würden für ganz Afrika keine Seite in unserem Branchenbuch füllen.
Hinter diesen beliebig fortzusetzenden Mankos verbirgt sich, leicht nachvollziehbar, eine mangelnde Professionalität des Berufstands Künstler, über die man sich hier schon fast sarkastisch lustig macht, indem man die Begabung des Afrikaners im Allgemeinen hervorhebt, er sei ein wahrer Meister der Recyclingkunst. Entsprechend verkaufbar sind denn auch diese Produkte. Meist von Blechmärkten afrikanischer Hafenstädte.
Es gibt einige Institutionen in Deutschland, deren Inhalte praktisch orientiert sind und Stipendiaten beste Arbeitsmöglichkeiten bieten. DAAD in Berlin, Akademie Schloss Solitude in Stuttgart oder ZKM in Karlsruhe bieten auf dieser Ebene eine sinnvolle Leistung.
Diese Angebote bieten jedoch keine Marktstimulanz. Bis auf sehr wenige Ausnahmen von Künstlern, die nach dem Stipendium im Deutschland verbleiben, kehren die Künstler in ihr Heimatland zurück und finden sich ohne Infrastruktur wieder oder versuchen, in Ländern mit besserer Infrastruktur wie Frankreich, England oder Italien unterzukommen, wo letztlich das Einschreiben an Universitäten, Projektbeteiligungen, Stipendien und Ausstellungsmöglichkeiten – und damit Verdienstmöglichkeiten – besser gegeben sind.
Wichtig sind daher Ausstellungen wie die Sonderausstellung zeitgenössischer Kunst aus Südafrika auf der kommenden art Karlsruhe im März, bei der die Messeleitung, die Daimler Art Collection und das Auswärtige Amt kooperieren, oder das Erscheinen eines aufwendig vorbereiteten Bandes über Kunst aus Afrika in deutschen Sammlungen im Sommer.
Afrikas Verlust seiner Vergangenheit durch den Übergang von oraler Überlieferungstradition zu westlich-universitärer Ausbildung hat tragische Dimensionen. In weiten Teilen Afrikas kann Geschichte fast nur durch seine Kunst rekonstruiert werden. Daraus leitet sich auch eine Verantwortung für uns Europäer ab, die wir über Archive verfügen – die wir zugänglich machen müssen.
Was wir durch eine Öffnung bekommen, ist eine frische und äußerst lebendige Kunstszene, die in den nächsten Jahren mit einigen Überraschungen aufwarten wird.
Peter Herrmann vermittelt zeitgenössische Kunst mit thematischem Schwerpunkt Afrika und authentische alte Kunst West- und Zentralafrikas. Bei der Präsentation afrikanischer Inhalte arbeitet er mit kunstgeschichtlichen Ansprüchen und ist weltweit einer der wenigen Galeristen, die Afrika konsequent auf einer langen Zeitschiene vermitteln. Als Experte für afrikanische Kunst und Kultur ist Peter Herrmann bei politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten beratend tätig.
Galerie Peter Herrmann
Brunnenstr. 154, 10115 Berlin-Mitte
Künstler der Galerie | Wasser – Luft – Essen
Wasser: bis 20.3.
Di–Fr 14–19h, Sa 11–16h
www.galerie-herrmann.com, Map: C 20
auf der art Karlsruhe:
Galeriestand H4-M08 plus
Sammlerausstellung Süd-Afrika. Dr. Sello Rathete Collection und die Daimler Art Collection, kuratiert von Monna Mokoena (Gallery Momo) und Peter Herrmann
art KARLSRUHE 2010,
Messe Karlsruhe, Messeallee 1, 76287 Rheinstetten
4.–7.3., tgl. 12–20h, So 7.3. 11–19h,
Eintritt: 16 €, erm. 12 €