Artikel der Ausgabe 1003
Installation raumlaborberlin: Soap Opera

Installation raumlaborberlin: Soap Opera

Foto: Matthias Horn, Courtesy: RUHR.2010 Abbildung veröffentlicht in KUNST Magazin Ausgabe März 2010

Mythen porentief

Christoph Zitzlaff

Dass die Erfindung der Kulturhauptstadt Europas mehr ist als forcierte Tourismusförderung unter dem Rubrum der schönen Künste, das versuchen die Macher uns immer wieder einzubläuen. Gelingt das auch 2010, im Jahr von gleich drei Kreativmetropolen? Angetreten ist ja nicht nur das Mittelzentrum Essen, das mit dem Label „RUHR.2010“ den ganzen Kohlenpott unter die von Karl Ernst Osthaus geklaute Maxime „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“ zusammengespannt hat. Vertreten sind auch das südungarische Pécs (Fünfkirchen) und vor allem – echt transkontinental – Istanbul, das sich zuvörderst deshalb gerne paneuropäisch geriert, weil sich die Türkei wegen ihrer EU-Bestrebungen vom Folterverdacht befreien und die Außenwahrneh-mung so gerne auf möglichst nachhaltige internationale Kulturfüße stellen würde.
Wie nicht anders zu erwarten, haben vor allem die Ruhrmenschen, angeführt von Publizitätsmeister Fritz Pleitgen als Geschäftsführer der „RUHR.2010 GmbH“, nichts unversucht gelassen, das Image der Region, ohnehin Schmelztiegel von Erzen und Migrationen, durch die Anverwandlung von künst-lerischen Positionen heterogenster Bauart immer weiter in Richtung Multi-Kunst-Gebiet aufzupolieren. Nachdem die Schnee- und Grönemeyerapokalyptik zur Eröffnung überstanden ist, gibt es jetzt Projekte wie „2–3 Straßen“ von Jochen Gerz zu erleben. Der Konzeptkünstler produziert ein Environment, das zu den verlautbarten Ruhrdoktrinen wie die Faust aufs Auge passt, nämlich eine Arbeit, die „die Kreativität und Autorenschaft der ganzen Gesellschaft voraussetzt“: In drei stinknormalen Straßen von Dortmund, Duisburg und Mülheim stellt man Teilnehmern aus aller Welt ein Jahr lang gut fünfzig Wohnungen mietfrei zur Verfügung. Dabei entsteht ein Text, denn alle Mieter sowie die Besucher der Straßenshow schreiben an etwas, das nächstes Jahr als Buch veröffentlicht werden soll. Genuin offenes Kunstwerk also? Mitteilsam wird es ebenfalls ab Mai, wenn mit EMSCHERKUNST das größte Kunstprojekt der „RUHR.2010“ beginnt: Die Emscherinsel inmitten des industriell gequälten, aber längst renaturierten Flusses wird von vierzig Künstlerinnen und Künstlern bespielt, darunter Rita McBride, Jeppe Hein, Tobias Rehberger und Tadashi Kawamata. Natürlich setzt man sich auch hier intensiv mit der Region auseinander, aber man erschrickt bei so viel Kunstwollen im public space – wenn Kunst an Schleusen, auf Industriebrachen oder Hobby-Ornithologenstationen ebenso zu finden sein wird, wie es singende Felsen, einen Community-Garden oder ein wanderndes Kasperletheater geben soll und man „zum Mitmachen und Mitgestalten“ eingeladen wird. Der Pott setzt mit den Industrielandschaften von Bernd und Hilla Becher auch auf Bewährtes. Man meint, die kanonisierten Foto-Ikonen vergangener Schlotzeiten längst abgehakt zu haben, aber was Heinz Liesbrock vom Museum Quadrat Bottrop als „Bergwerke und Hütten“ zusammengestellt hat, konnte man so bislang einfach nicht sehen. Die meist unveröffentlich-ten und neu abgezogenen Prints zeigen mehr als die gewohnt nüchternen Bestandsaufnahmen von Zechen und Brachen, sie weiten den Blick hin auf menschlicheres Maß. Jetzt sieht man auch Büdchen, wechselt der Bleihimmel zu Blaunuancen – erstaunlich, diese Aufnahmen als soziale Manifeste lesen zu können. Die Schau ist Teil von „Mapping the Region“, dem Projekt, zu dem sich vierzehn der zwanzig unter dem neuen Etikett „RuhrKunstMuseum“ firmierenden Ausstellungshäuser zusammengebunden haben. In dem Versuch, die Region kulturell neu zu vermessen, stellt etwa Olaf Metzel im Duisburger Museum Küppersmühle für Moderne Kunst mit zwölf großen Rauminstallationen und Zeichnungen „noch Fragen?“ und wird Andreas Sieckmann im Gustav-Lübcke-Museum Hamm seine ab 1996 entstandene Zeichenserie „Aus: Gesellschaft mit beschränkter Haftung“ zeigen, die seinen Fokus auf die Ökonomisierung und Privatisierung des Öffentlichen in bewusste Simpelbilder transponiert. Bei so viel Neude-finitions- und Partizipationsgebaren im Ruhrgebiet ist es merkwürdig, dass sogar die Zielgruppe vor Ort, abgesehen vom zähen Ringen hinter den Kulissen, von der Großartigkeit des kulturellen Strukturwechsels gar nicht so viel mitbekommt. Trotz Pressegetöse, trotz drohender Sperrung der A 40 fürs Bürgerfest. Schon im März scheint die Kunst der „RUHR.2010“, wie so oft bei überinstrumentierten Mega-Events, ein wenig im medialen Hangover stecken zu bleiben.
Auch Istanbul kam erst nach langen organisatori-schen Krämpfen bei Schneeregen zur Eröffnung. Zwei Drittel der 170 Millionen Euro, die man für das Kulturhauptstadtjahr ausgibt, fließen in die Sanie-rung historischer Gebäude, und so finden zwar gut 400 Einzelevents statt, aber die sollen tatsächlich nur touristischen Mehrwert für die Stadt am Bosporus generieren – etwas trostlos für die zeitgenössische Kunst. Wie an der Ruhr präsentiert man sich als offenes Zentrum im Wandel. „Lives and Works in Istanbul“ ist eine Reihe mit Gastkünstlern, von denen der Österreicher Peter Kogler und die allerdings altbekannte Französin Sophie Calle die renommiertesten sind. Mit „Portable Arts“ will man „emerging artists“ in alle 39 Distrikte der türkischen Metropole bringen. Ansonsten wird, man muss es leider sagen, auf Booten gesungen und auf Moscheedächern getanzt. Immerhin sind nicht alle mit der Eventkultur zufrieden, wie Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk, der sein „Museum der Unschuld“, ein zentrales Projekt von „Istanbul 2010“, wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten beim Organisationskomitee vom offiziellen Festivalprogramm zurückzog.
In Ungarns Kulturhauptstadt Pécs, wegen ihrer vielen Minderheiten ohnehin ein transitorischer Ort, wurde weder das seit Langem erhoffte Künstlerviertel auf dem Gelände der Zsolnay-Porzellanfabrik noch die Konzerthalle pünktlich fertig. Dafür zeigt man Klassiker. Etwa Marcel Breuer, Andor Weininger und Alfréd Forbát. Denn sie waren allesamt Künstler aus Pécs oder der Umgegend, die am Dessauer Bauhaus reüssierten, wie die Ausstellung „From Art to Life“ ab August dokumentiert. Oder Victor Vasarely: Der ebenfalls aus Pécs stammende Op-Art-Heroe ist jetzt durch Fassaden-Projektionen in der ganzen Stadt omnipräsent. Ansonsten auch hier etwas zu sehr um politische Korrektheit bemühte Projekte wie die „National Gipsy Fine Arts Exhibition“ im Herbst oder der Wettbewerb „21 Dialogues“, über den außer dem umständlichen Untertitel „Visual Art Competition on the occasion of the 21st anniversary of the political transition“ leider fast nichts zu erfahren ist.
Mehr denn je scheinen die europäischen Kulturhauptstädte im Jahr 2010 zum Tummelplatz von Good-Will-Kunst-Projekten zu werden, die sämtliche Klischees von Partizipation und Kulturfluktuation nur mehr zementieren. Gut gemeint ist wie immer beileibe nicht gut gemacht – und noch stärker als bisher müssen die Künstler aufpassen, nicht zu sehr zu bloßen Erfüllungsgehilfen des Marketings zu werden. Also Obacht. Denn schiere Schaulust strömt schon in Scharen. Und die Mythen sitzen porentief.

Christoph Zitzlaff, Jahrgang 1967, studierte Kunstgeschichte, Philosophie sowie deutsche und romanische Philologie mit dem Fokus auf Skulptur und Theorie der Frührenaissance an der WWU Münster. Als Publizist leitete er die Kulturressorts verschiedener Magazine und beschäftigt sich mit der Zeitgenossenschaft von Text, Kritik und Wissenschaft. Er lebt und arbeitet als freier Autor und Kulturredakteur in Berlin.