This article is also available in Englisch

Aby Warburg: Der Bilderatlas Mnemosyne - Tafel 27, Hamburg, Warburg-Haus. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112. Warburg heftete Abbildungen der Monatsbilder der Fresken des Palazzo Schifanoia in Ferrara und konnte durch seine Untersuchung aufzeigen, dass eine der Figuren, ein sogennanter Dekan, sich auf die Gestalt des Perseus aus der griechischen Mythologie zurückführen lässt.
Die Zeiten, in denen Kunsthistoriker mit zwei surrenden Projektoren, einem Holzkästchen mit Dias und einem Assistenten ihre Erkenntnisse in einer im besten Falle synchron ablaufenden „Diashow“ ihrem Publikum vermittelten und sich dabei auf jeweils zwei Bildspiele beschränken mussten, sind noch nicht lange vorbei. Diese Praxis prägte das sogenannte vergleichende Sehen, und alle Beteiligten lebten wohl oder übel mit dieser Einschränkung.
Das digitale Zeitalter erweiterte das Spektrum der Möglichkeiten nachhaltig. So ging am 1. April 2001 das bundesweite Verbundprojekt „prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung und Lehre“ an den Start. Ziel des Projekts: die Zusammenführung von Bilddatenbanken, die interdisziplinäre Vernetzung und die Nutzung des digitalen Mediums für Forschung und Lehre.
Mittlerweile können Interessierte in 62 Bilddatenbanken der Kunst-, Design- und Architekturgeschichte, Theologie, Geschichte und Archäologie mit insgesamt 822.181 Bildern suchen, Präsentationen zusammenstellen und diese unter der Berücksichtigung der Urheberrechte auch publizieren.
Zum 10-jährigen Jubiläum des Bildarchivs fand im November die Tagung „Die digitale Perspektive – eine schöne Aussicht? verbinden – verorten – verwandeln – verankern“ in der Universität zu Köln statt. In diesem Rahmen sprach Dr. Martin Warnke von der Leuphana-Universität Lüneburg, Institut für Kultur und Ästhetik digitaler Medien, über die Möglichkeiten, Bildmotive zu vernetzen.
Einleitung: Katharina Helwig
Im Jahr 2001 fanden für die Geschichte des Internets bedeutende Ereignisse statt: Die Domain wikipedia.org ging online, Apple stellte den iPod vor, Google Image Search öffnete den Zugriff auf 250 Millionen Bilder. Und: Als Verbundprojekt der Universität zu Köln, der Humboldt-Universität zu Berlin, der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Hochschule Anhalt ging „prometheus“ an den Start.
Man kann also durchaus sagen, dass das Akadem auf der Höhe der Zeit war, als es sich mit prometheus einen wissenschaftlich fundierten Bilderfundus im Internet zulegte. Zeitgleich mit der Wikipedia- und der Google-Bildersuche entstand mit prometheus ein Wissensmedium, das aus der deutschsprachigen Kunstgeschichte nicht mehr wegzudenken ist und das wesentlich den Diskurs mit und über Bilder begründet.
In Zeiten vor dem Internet war die Fotografie das Medium, das den größten Einfluss auf die Kunstgeschichte ausübte – das Fernsehen, das ansonsten zu nennen wäre, hat zwar die 100 und später die 1000 Meisterwerke ins Pantoffelkino gebracht, aber den akademischen Betrieb hat das nicht wirklich affiziert.
Für das Folgende dient die Visualisierungsmethode von Aby Warburg, an den anzulehnen einem Außenseiter wie mir nur guttun kann, als Vorbild. Bekannterweise arbeitete er mit Fotografien auf schwarzem Tuch, in die er vermutlich Nadeln steckte, um mit Wollfäden Beziehungen zwischen Bildmotiven zu kennzeichnen. In seinen Schriften drückte er seine wahrlich und wunderbar weit hergeholten Bild-Argumentationsketten durch Kontinente und Jahrtausende im Medium der Gelehrsamkeit aus, dem gedruckten Text.
Ohne die Wollfäden ist es alles andere als trivial, die Kette seiner Bild-Evidenzen zu verfolgen, etwa in seinem berühmten Aufsatz über den rätselhaften Mann im Palazzo Schifanoia. Die Identität der letzten Figur, die Lösung des Bilderrätsels, deckt Warburg mit detektivischem Spürsinn und großer Gelehrsamkeit auf, indem er eine Pathosgeste durch Raum und Zeit verfolgt, wofür er zu Recht berühmt wurde.
Doch in der Vorzeit des Internets war nicht alles so leicht, wie einen Wollfaden zwischen Bildmotiven aufzuspannen, was im Internet gar nicht so einfach ist. Die schiere Materialität und Fülle an Fotografien auf den Stellwänden verursachte ganz eigene Probleme. Werfen wir einen Blick in Aby Warburgs Tagebuch:

Aby Warburg: Der Bilderatlas Mnemosyne - Tafel 2, London, Warburg-Institute. Erschienen in KUNST Magazin KMB1112. Tafel 2 zeigt Perseus im Zusammenhang mit Abbildungen der antiken Himmelsbilder.
„Die Umgruppierung der Photo-Tafeln macht […] Mühe“; Massenverschieb[un]g innerhalb der Photo-Tafeln.“; „Mit Freund Gestelle ‚geschoben’.“; „Schwierigkeit: die Placierung von Duccio“; „Die Anordnung der Tafeln im Saale macht (doch) ungeahnte Schwierigkeiten innerer Art“; „Habe angefangen, die ganze Götterwelt auszuschneiden“.(1)
Solcherart Widrigkeiten lassen sich im Digitalen recht einfach überwinden, und wenn nun noch das Problem des präzisen Bezeichnens, Markierens und Verweisens auf und mit Bilddetails gelöst wäre, könnte man, wenn man wollte, wie Warburg mit Bildern auch im Internet arbeiten.
Was wieder erfunden werden musste im Digitalen war der Hypertext-Link für das Bild, die bildhafte Fußnote oder der Querverweis von, mit und auf das Bild. Genau das haben wir getan.(2) Nach Zusammenstellung eines Bildkorpus in prometheus kann man auf diesem mithilfe des Meta-Image-Editors Bilddetails markieren, annotieren und verlinken – zoombar, unabhängig von der Größe und der Auflösung des Bildes.
An die Stelle des Wollfadens mit Nadelspitze tritt der Pointer, der den Zusammenhang zwischen den Bilddetails technisch im Hintergrund herstellt. Was Warburg noch mit Nadel und Faden tat, ist nun per Hand mit dem Computer zu tun. Jemand hat händisch-intellektuell Ort und Form der beiden Motive festzulegen und mit einer Drag-and-Drop- Operation miteinander zu verknüpfen.
Die bürokratische Verwaltung aller Polygon-Koordinaten und Verweisadressen wird intern vom Computer erledigt. Der Pointer ersetzt den Wollfaden, und es gibt keine Obergrenze der Komplexität eines solcherart aufgespannten Verweisnetzes. Bilder, ihre Details, Text, Web-Adressen und Zusammenfassungen von alldem lassen sich annotieren und mit Metadaten versehen.
Diese Struktur wird dann auf zweierlei Weise verwendet: Sie wird dem menschlichen Auge durch eine Webseite dargeboten, und die internen Verweisstrukturen werden vom Computer ausgewertet und in Form von Indexen dargeboten. Die Web-Fassung ist unmittelbar auf einem Web-Server oder auf einem lokalen Datenträger zu veröffentlichen.
Was für eine Bedeutung hat ein bestimmtes Bild in diesem Bild-Universum?
Was geschieht, wenn der Bildkorpus nicht individuell festgelegt, sondern durch kollektive Arbeit an einer Sammlung wie der von prometheus bestimmt wird? Die Antwort liegt im Netz der Verweisungen verborgen – hier findet man den Gehalt des Sujets oder Motivs auf der dritten Panofsky’schen Deutungsstufe. Folgt man ihm, ist hier die Ikonologie eine einschlägige Helferin, „die aus der Synthese, nicht aus der Analyse hervorgeht.“(3)
Es wird also um die Kontextualisierung gehen, darum, in einer nie endenden Interpretationsbewegung das Motiv in jene Zusammenhänge zu stellen, aus denen seine Darstellung im Bild sie gerissen hatte. Es scheint mir ähnlich zu sein wie beim Luhmann’schen Zettelkasten, der seinen Wert und seine Bedeutung durch die Querverweise der Zettel untereinander gewinnt.
Ersetzt man im Geiste „Zettel“ durch „Motiv“, erhält man eine Aussage im Sinne der dritten Motivcharakterisierung Panofskys: „Jede Notiz ist nur ein Element, das seine Qualität erst aus dem Netz der Verweisungen und Rückverweisungen im System erhält.“(4) Und: „Gegenüber dieser Struktur, die aktualisierbare Verknüpfungsmöglichkeiten bereithält, tritt die Bedeutung des konkret Notierten zurück.“(5)
Aus einem scheinbar belanglosen Bilddetail wird ein Glied einer Argumentationskette oder, treibt man die Verknüpfung weiter, ein Knoten in einem Verweisnetz.
Dies ist wohl gar nicht so fern der Warburg’schen Methode, wenn man Philippe-Alain Michaud Glauben schenken darf: „Die 1929 von Warburg in seinem Tagebuch benutzte rätselhafte Formel „Ikonologie des Zwischenraumes“ – eine Ikonologie also, die nicht die Bedeutung der Figuren betrifft […], sondern die vielfältigen Beziehungen, die diese in einem komplexen, autonomen und auf die Ordnung des Diskurses nicht zurückführbaren Dispositiv zueinander aufnehmen – scheint darauf hinzudeuten, dass er Mnemosyne von vornherein topographisch konzipiert hat.“(6)
Da die Verweisungen im World Wide Web explizit sind, kann eine Maschine sie extrahieren und auswerten, eine geordnete Liste von Termen daraus erzeugen. Die am höchsten gewerteten würden vermutlich am häufigsten verwendet werden und zu definierenden Standards verstärken. Durch solch rekursives und selbst-verstärkendes Operieren würde Sinn erzeugt.
Dies schließt unmittelbar an Luhmanns Sinnbegriff an. Sinn ist dasjenige Medium, in dem Selektionen vorgenommen werden, Ereignisse aktual werden statt virtuell zu bleiben, wodurch weitere Selektionen ausgelöst werden, die wiederum Virtuelles aktualisieren. So emergieren Sinn und Bedeutung – wie in der Sprache auch. Stellt man sich ein solches Geflecht von Virtualitäten und Aktualisierungen vor, drängt sich die Ähnlichkeit zum Web mit seinen verknüpften Dokumenten auf.
Also könnte mithilfe der vorhin vorgestellten Bilddetail-Verknüpfungen ein Schema zur
Bedeutungskonstitution auf einem Bildkorpus möglich werden. Durch formale Analyse dieses maschinenlesbaren Verweisgeflechts entsteht individuell und sozial erzeugte Bedeutung.
Natürlich ist das nichts wirklich Neues. Bedeutung ist immer schon so konstruiert worden, hochreputierte Gelehrte hatten immer schon einen größeren Einfluss auf das Wissenschaftsgeschehen, wodurch sie selbst noch bedeutender wurden. Doch gibt es schon durchaus einen Unterschied: Welches die bedeutenden Knoten im Netz sind, bestimmte dann das Netz allein.
Ikonologie könnte zu einem sozial emergenten Phänomen werden.
Durch Netzwerkanalyse der bildhaften Meta-Image-Verweisungen in prometheus könnten die vielfältigen Bedeutungen eines Bildes offenbar werden, die sich über die Zeit und von Person zu Person verschieben könnten. Falls uns das interessiert, erhielten wir natürlich auch kollektive Bedeutungs-Zuschreibung durch die Massen.
Text: Dr. Martin Warnke
——————————————————————————————————— (1) Zitiert nach Peter van Huisstede: Der Mnemosyne-Atlas. Ein Laboratorium der Bildgeschichte. In: Aby Warburg, Ekstatische Nymphe . . . trauernder Flußgott; Portrait eines Gelehrten. Ed. by Robert Galitz and Brita Reimers (Hamburg: Dölling und Galitz Verlag, 1955), S. 130–171.
(2) DFG-Projekt Meta-Image und BMBF-Projekt HyperImage
(3) Panofsky, Erwin: Sinn und Deutung in der bildenden Kunst. Köln: Du Mont, 1978. S. 42.
(4) Luhmann, Niklas: Kommunikation mit Zettelkästen – Ein Erfahrungsbericht. In: Öffentliche Meinung und sozialer Wandel, ed. by Horst Baier, Hans Mathias Kepplinger, Kurt Reumann, S. 222-28. Opladen: Westdeutscher Verlag, 1981. S. 225.
(5) Ebd. S. 227.
(6) Philippe-Alain Michaud: Zwischenreich. Mnemosyne ou l’expressivité sans sujet. In: Les Cahiers du Musée national d’art moderne, Nr. 70, Winter 1999-2000, S. 42-61. , Abs. 2, 8.11.2009.







